Biographie/Buchtipp

Wir sagen uns Dunkles / Helmut Böttiger

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Ingeborg Bachmann und Paul Celan – eine tragische Liebe. Ein dunkles Buch. Helmut Böttiger kannte ich bisher nur als Kritiker beim Deutschlandfunk, nun durfte ich diese außergewöhnliche Doppelbiographie lesen. Bei der Lektüre habe ich mich gefragt, ob ich im Unterricht der 1970ger Jahre nicht aufgepasst habe. Habe ich doch einen Leistungskurs Literatur mit Erfolg bis zum Abitur absolviert, ohne wirklich zu begreifen, dass Celan bis 1970 noch lebte und also ein Zeitgenosse war.

Natürlich hatten wir die Todesfuge auf dem Lehrplan – aber nur im Zusammenhang mit anderen Gedichten rund um Nationalsozialismus und Holocaust. Wir waren in den 70ern übersättigt von diesen Themen, denn alle Lehrer wollten anscheinend an uns aufarbeiten, was in den 50ern und 60ern in der Bundesrepublik verdrängt worden war.

Gerne hätte ich damals Lyrik so vermittelt bekommen, wie es dieses Buch nun geschafft hat. Endlich habe ich „meinen“ Celan etwas besser verstanden. Außerdem habe ich Einblick in die Arbeitsweise und den Geist der „Gruppe 47“ gewonnen und etwas von der geistigen Enge in der jungen Bundesrepublik.

So wie das gelungene Titelbild es grafisch verdeutlicht, hat Helmut Böttiger eine ausgewogene Biographie von beiden Dichtern geschrieben. Die einzelnen Kapitel sind abwechselnd dem einen oder der anderen gewidmet. Die Gleichzeitigkeiten und Beziehungen verzahnen sich und werden in den Gedichten beider überdeutlich. Die heimlich Liebenden führen einen für alle lesbaren Dialog in ihren Gedichten – und das soll nicht wirklich aufgefallen sein? Erst mit der Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen Celan und Bachmann 2008 im Suhrkamp-Verlag hatte man Gewissheit: „Man wusste schon länger, dass Ingeborg Bachmann und Paul Celan, zwei der bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts, abseits aller literarischen Öffentlichkeit, abseits aller familiären Strukturen in einer Liebesbeziehung zueinander standen. Aber was es genauer damit auf sich hatte, war ein großes Geheimnis.“ (Deutschlandfunk 2008

Helmut Böttiger ist es nun zu verdanken, anhand der Quellen eine wunderbare Doppelbiographie geschrieben zu haben, die beide großen Dichterpersönlichkeiten mit ihren Stärken und Schwächen, ihre nicht gelingende Liebesbeziehungen und ihre Schwierigkeiten mit dem deutschsprachigen Literaturbetrieb, zu porträtieren. Dabei werden sie mir beide nicht unbedingt sympathisch. Vor allem Ingeborg Bachmann erscheint sehr opportunistisch in der Auswahl ihrer Lebensgefährten. Aber auch Celan ist vor allem seiner Arbeit treu. Beide leben und sterben für ihre Kunst, beide werden in ihrem Leben nicht wirklich glücklich. Beim lesen ihrer beider Leben und Liebe litt ich mit ihnen.

Absolut lesenswert!

Wir sagen uns Dunkles : die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan / Helmut Böttiger. – München: DVA, 2017. – 269 S., Abb. – ISBN 9783421046314 ; 22,00 €


Über den Autor:

Helmut Böttiger, geboren 1956, ist einer der renommiertesten Literaturkritiker des Landes. Nach Studium und Promotion war er als Literaturredakteur u.a. bei der Frankfurter Rundschau tätig. Seit 2002 lebt er als freier Autor und Kritiker in Berlin und veröffentlichte u.a. »Nach den Utopien. Eine Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur« (2004) und »Celan am Meer« (2006). Er war Kurator der Ausstellung »Doppelleben. Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland« (2009) und Verfasser des Begleitbuchs. 1996 erhielt er den Ernst-Robert-Curtius-Förderpreis für Essayistik, 2012 den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik. Für sein zuletzt veröffentlichtes Buch »Die Gruppe 47« wurde er mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2013 ausgezeichnet. (Verlagstext)

Hier ein kürzlich erschienener Blogbeitrag von Sätze & Schätze, der weitaus ausführlicher in das Buch einführt.

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2 Kommentare zu “Wir sagen uns Dunkles / Helmut Böttiger

  1. Schön, dass Du das Buch ebenso gelesen hast wie ich – als gute, sehr gut lesbare und auch einfühlsame Hinführung zum Leben und der Beziehung der beiden Dichter. So gut kann Literaturvermittlung sein – und ich finde so etwas gar nicht platt oder unseriös, wie der eine oder andere Kommentar bei mri das zwischen den Zeilen vermutet. Herzlichen Dank auch für die Verlinkung! Birgit

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