Biographie/Buchtipp

Ein Leben für den Film – Ingrid Bergmann

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„Die Schwedin Ingrid Bergman (1915–1982) zählt zu den wenigen weiblichen Weltstars des Kinos. Zu ihren bekanntesten Filmen gehören Klassiker wie „Berüchtigt“ von Alfred Hitchcock, „Das Haus der Lady Alquist“, „Casablanca“, „Wem die Stunde schlägt“, „Die Kaktusblüte“ oder „Herbstsonate“. Im Lauf ihrer fast 50-jährigen Karriere erhielt sie drei Oscars. Doch das glanzvolle Schauspielerleben hatte auch eine brüchige Seite.“ (Klappentext)

Thilo Wydra (www.thilowydra.de) hat ein ergreifendes Buch zu einer großen Schauspielerin und eigensinnigen Frau geschrieben.

Die sorgfältige Aufmachung des voluminösen Bandes kann sich sehen lassen. Ein klares Druckbild, roter Leineneinband, rotes Lesebändchen. Alle Seiten weisen im Kopf die jeweilige Kapitelüberschrift in bordeauxfarbener Schrift aus. Wie im Film gibt es einen Vor- und einen Abspann. Ausführliche Anmerkungen, eine Filmographie und ein Personenregister runden das spannend zu lesende Werk ab.

Wie der Autor in einer persönlichen Nachbemerkung schreibt, war es gar nicht so einfach, überhaupt an Material über Ingrid Bergmann heranzukommen. Ihr Familie „verwehrte sich erst jeder Gesprächsanfrage“. Der gesammelte Nachlass liegt, nicht öffentlich zugänglich, in 187 Kisten in den „Wesleyan Cinema Archives„. Erst als der Autor den Kontakt zu ältesten Tochter Ingrid Bergmanns, Pia Lindström, fand, öffnete sich auch der Rest der Familie für Interviews und Gespräche – und natürlich auch die Kisten.

Das Buch beginnt um 1900 mit der bezaubernden Liebe von Ingrids Eltern, die viel Geduld haben mussten, bis sie sich endlich haben durften. Die deutsche Friedel Adler und der schwedische Justus Bergmann hatten es sehr schwer, ihre Eltern für diese Verbindung zu erwärmen. Sieben Jahre dauerte das Werben und der Austausch von Postkarten, Telegrammen und Briefen bis die beiden 1907 endlich heiraten durften. Im August 1915 wurde Töchterchen Ingrid geboren. Drei Jahre später schon stirbt die Mutter an einer unheilbaren Gelbsucht. Ingrid hat keine eigenen Erinnerungen an sie. Mit 14 Jahren stirbt auch ihr Vater im Alter von nur 58 Jahren an Magenkrebs. Bis zur Volljährigkeit lebt Ingrid in Stockholm bei verschieden Verwandten, die Sommerferien verbringt sie immer in Hamburg im Hause der Großeltern mütterlicherseits. In der Schule und im Umgang mit anderen Menschen hat sie es schwer. „Ich war ein sehr scheues Mädchen, wahrscheinlich der scheueste Mensch auf der Welt. Wenn man mich nach meinem Namen fragte, wurde ich rot.“  Schon als Schulkind hat sie Freude an Rollenspielen. Sie malt, erfindet Kurzgeschichten und kleine Theaterstücke. Als sie mit 11 Jahren an der Hand ihres Vaters zum ersten Mal ins Theater geht, ist es um sie geschehen. „Da gab es erwachsene Leute, die das gleiche auf einer Bühne taten wie ich zu Hause ganz allein für mich, nur so zum Spaß. Und sie wurden sogar noch dafür bezahlt!“ Ihr Entschluss stand fest. Sie machte die Schule zu Ende und wechselte dann in die renommierte Schauspielschule „Dramaten“ in Stockholm.

Seitdem spielt Ingrid Bergmann sich nach oben. Als wäre das Verkörpern anderer Charaktere ihre eigentliche Lebensform, scheint sie nur wirklich zu leben wenn sie spielt. Selbst schlechte Filme werden durch ihre Mitwirkung noch sehenswert. In den privaten Rollen, Geliebte, Ehefrau, Mutter, ist sie weniger geschickt und ungeduldig. „Ein Leben primär als Mutter tut ihr nicht gut, sie ist dafür nicht geeignet. Sie kann nicht damit umgehen, es überfordert sie, da es sie zugleich kreativ-künstlerisch unterfordert.“

So führt Wydras Biographie folgerichtig chronologisch durch die Filme, die auch inhaltlich besprochen werden, und bruch- und übergangslos durch Ingrid Bergmanns Privatleben. Ihre Ehen, ihre Beziehungen, ihre Lebensstationen Schweden, Deutschland, Amerika und Italien, Großbritannien … alles ist letztlich bestimmt durch die Filme, die sie drehen darf.

Filmliebhaber kommen hier ebenso auf ihre Kosten, wie Menschen, die gerne Lebensbeschreibungen lesen. Außerdem spiegelt das Buch fast das ganze 20. Jahrhundert. Ein Leben – wie im Film. Dramatisch, tragisch, zuweilen glücklich, nie langweilig.

Ingrid Bergmann : ein Leben / Thilo Wydra . – München: DVA, 2017. – 1. Aufl. – 751 S.; zahlr. Ill. – ISBN 9783421046734 fest geb. : 28 €

Im Folgenden ein Interview mit Isabella Rossellini über die Arbeit des Wesleyan-Film-Archivs und der Ingrid Bergmann Collection:

http://www.wesleyan.edu/cinema/video-bergman.html#part2

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4 Kommentare zu “Ein Leben für den Film – Ingrid Bergmann

  1. Hallo!

    Ich lese ja sonst kaum bis keine Biographien aber deine Rezension und die Begeisterung für das Buch hat mich gleich gefangen, sodass ich es sofort auf meine Merkliste geschoben habe. Werde danach Ausschau halten. Freue mich schon aufs Lesen! Danke!

    GlG vom Monerl

    Gefällt mir

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