Buchpreis/Buchtipp

Widerfahrnis / von Michael Kumpfmüller

Einmal Sizilien hin und zurück – „a sentimental journey“ widerfahrnis

Reither, bis vor kurzem Verleger in einer Großstadt, nun in einem idyllischen Tal am Alpenrand, hat in der dortigen Bibliothek ein Buch ohne Titel entdeckt, auf dem Umschlag nur der Name der Autorin, und als ihn das noch beschäftigt, klingelt es abends bei ihm. Und bereits in derselben Nacht beginnt sein Widerfahrnis und führt ihn binnen drei Tagen bis nach Sizilien. [Klappentext]

Der gealterte, vereinsamte Verleger hat sich zurückgezogen. Er lebt in einem Wohnkomplex in idyllischer Natur, inklusive Rezeption und Restaurant. Das hört sich sehr nach betreutem Wohnen und Resignation an. Die Novelle, wie der Verlag als Genrebezeichnung angibt, setzt an, als der Icherzähler, Julius Reither, versucht, das was ihm widerfahren ist, zu Papier zu bringen. Als Verleger und Lektor ist er es gewohnt, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen und gnadenlos zu streichen. Jedenfalls bei den ihm eingereichten Manuskripten und von ihm lektorierten Werken. Bei seiner eigenen Geschichte ist er gnädiger. Er muss feststellen, dass manches  nur auf eine Art ausgedrückt werden kann, auch wenn es kitschig oder abgedroschen klingt. Für den Leser ist es spannend mitzuerleben, wie Satz für Satz der Geschichte entsteht, samt den Gedanken des imaginierten Autors.

Und was für eine Geschichte! Was zuerst als ruhig dahin fließende Reisebeschreibung daherkommt, entwickelt, ja verwickelt sich immer mehr ins Unangenehme.

Zwei Personen, der abgehalfterte Verleger, der im Leben beinahe ein Kind gehabt hätte, und eine ehemalige Hutladenbesitzerin, deren Tochter sich vor kurzem das Leben nahm, treffen auf einander und reisen ein Stück ihres Weges zusammen. Ein Wort gibt das andere, ein Schritt den nächsten und so fahren sie ohne Plan und Ziel los. Erst nur zum Sonnenaufgang, dann zu einer schöneren Stelle für das Frühstück, dann nach Italien, dann noch ein Stückchen bis ans Meer – und so gelangen sie endlich bis nach Sizilien. Sie lassen sich treiben, lernen sich ein wenig kennen, später sogar etwas lieben.

Sizilien ist nicht nur der Scheitelpunkt der Reise, sondern auch der der Novelle. Ab da wird es kompliziert. In die frische Romanze platzt jäh die Gegenwart, in Form der in die Gegenrichtung aus Afrika Flüchtenden.

Mich hat die Geschichte sehr berührt. Durch den ruhigen und etwas spröden Erzählstil hatte ich Zeit, eigene Gedanken fließen zu lassen, wurde an eigene „Widerfahrnisse“ erinnert. Bodo Kirchhoff vermittelt absolut glaubhaft die Gedanken und Gefühle seiner Figuren. Atemberaubend, wie wir wie in einer klassischen Tragödie zuschauen müssen, wie kleinste Handlungen in die Katastrophe führen. Fast möchte man eingreifen, wie Kinder, die beim Puppentheater Kasperl vor dem Krokodil warnen wollen.

Am Ende gelangen wir wieder zum Anfang, als Julius Reither beginnt, diese Geschichte zu Papier zu bringen. Ich blieb etwas ratlos zurück. Eine Fortsetzung wäre vorstellbar.

Widerfahrnis : eine Novelle / Bodo Kirchhoff. – Frankfurter Verlagsanstalt, 2016. – 224 S., ISBN 978-3-627-00228-2

siehe auch: http://www.deutscher-buchpreis.de/preisverleihung-2016/

 

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