Buchtipp

Loney von Andrew M. Hurley – düster

loneySchauen Sie sich mal das Titelbild an. Das finde ich einfach toll. Es verspricht eine spannende, etwas gruftige Geschichte.

Ich kann eine Menge positives über das Buch sagen. Der Autor kann gut erzählen. Die dargestellten Menschen und Orte werden sehr plastisch. Wenn man bis zu Ende liest, begreift man den Plot und weiß, worauf der Autor hinaus will. Dann könnte man noch einmal von vorne beginnen – und endlich bekommt die Erzählung drive.

Ich habe genau das gemacht: von vorne angefangen und mit den nun bekannten Figuren und den vielen Hinweisen, die auf das bekannte Ende verwiesen, eine wunderbare Erzählung erlebt. Vorher hatte ich das Gefühl, den Film zu spät eingeschaltet zu haben. Ich bin einfach schlecht hinterher gekommen. Bei den  vielen Details und Personenbeschreibungen, denkt man, die müsste man alle für den Fortgang der Handlung im Hinterkopf behalten. Aber sie sind manchmal gar nicht wichtig. Einiges könnte man unter „herausgeschnittene Szenen“ gefahrlos hintendran hängen.

Worum geht es nun eigentlich in „Loney“? In einem bigotten Milieu einer anglikanischen Kirchengemeinde der 1970ger Jahre wachsen die beiden Jungen Andrew genannt „Hanny“ und sein vier Jahre jüngerer Bruder, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, heran. Den Vornamen des Ich-Erzählers erfahren wir nicht, nur den Spitznamen, den ihm der Pfarrer gibt. Hanny ist stumm und vielleicht auch ein wenig zurückgeblieben. Sein Bruder kann mit ihm kommunizieren und scheint seine einzige direkte Bezugsperson zu sein. Für alles, was nicht reibungslos vonstatten geht, wird er verantwortlich gemacht.

Erzählt wird von den traditionellen Einkehrwochen um die Osterzeit einer kleinen Gruppe von Gemeindemitgliedern, zu denen auch die beiden Brüder und ihre Eltern gehören. Sie fahren in ein sehr einsam gelegenes Haus direkt am Meer – die Gegend heißt „the Loney“. Nachdem der Pfarrer, der sonst immer die kleine Pilgerfahrt angeführt hatte, gestorben war, fuhr man längere Zeit nicht mehr. Erst als Hanny schon fast volljährig war und ein neuer Pfarrer die Gemeinde leitet, will man sich wieder nach „the Loney“ aufmachen. Dort gibt es eine heilige Quelle, von der man sich verspricht, dass sie Hannys Stummheit heilen könnte. Bei diesem Mal ist alles anders als früher. Die Gegend ist noch einsamer und heruntergekommener. Der neue Pfarrer hat in den Augen der überfrommen Gemeindemitglieder nicht genügend spirituelle Ausstrahlung, das Heiligtum ist verwahrlost und ungepflegt. Derweil erkunden die beiden Jungen wie früher die Gegend – den Strand mit dem alten Bunker, die mysteriöse Halbinsel, die zweimal am Tag von der Flut zu einer Insel gemacht wird. Sie finden ein Gewehr und Munition, sie geraten in verschiedene Schwierigkeiten, während die Erwachsenen davon nichts bemerken und sich nur um ihren Glauben kümmern. Das Osterfest und die rituelle Reinigung des stummen Jungen an der Quelle gehen ebenso schief, wie alle anderen Erwartungen enttäuscht werden. Diese ganze lange Vorgeschichte führt endlich zu den eigentlichen, sehr mysteriösen Umständen im Haus auf der Halbinsel. Wir bekommen nur in Umrissen ein Bild einer schrecklichen Horrorszene vorgeführt, die im Endeffekt die Heilung des Jungen bringt.

Mein Fazit: eine plausible Geschichte, leider etwas verquer erzählt. Zu wenig Horror für Fans dieses Genre, zu viel für Liebhaber von Geschichten im englischen Milieu. Manche Stellen hätte man zugunsten einer stringenteren Spannung weglassen können. Gut herausgekommen ist, wie furchtbar engstirnig und von Vorurteilen belastet, eine sektenhafte Frömmigkeit ist – egal in welcher Religionsgemeinschaft auch immer.

Die Übersetzerin Yasemin Dinçer hätte eventuell kürzere Sätze verwenden können. Da müsste man mal ins englische Original schauen.

Insgesamt befriedigende Lektüre für Liebhaber der „Gothic Novel“ – düster und geheimnisvoll.

 

Loney / Andrew Michael Hurley. Aus dem Engl. von Yasemin Dinçer. – Berlin: Ullstein, 2016. –  epub, 336 S. ISBN 139783843714396 18,99 €

 

 

 

 

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