An meine Follower

Hervorgehoben

Fast zwei Jahre gibt es nun diesen Blog, der mal eben schnell aus der Taufe gehoben wurde, um in einem online-Kursus als Hausaufgabenplattform zu dienen. Auch der Name wurde ohne langes Überlegen kreiert. Nun habe ich den „LITBLOGKOEB“ – und wage es nicht, den Namen zu ändern. Fast 100 Follower lesen mittlerweile regelmäßig hier und meine anfänglich spielerische Ausprobierphase erkläre ich hiermit für beendet.
Ich ziehe mit dem kompletten Inhalt dieses Blogs auf meinen eigenen Server um – mit allen Vor- und Nachteilen. Ich hoffe, IHR, meine lieben Follower, zieht mit!

Die neue Adresse heißt litblogkoeb.de . Noch bastel ich am Design, Änderungen aller Art nicht ausgeschlossen. Gerne nehme ich Ratschläge entgegen.

Ich würde mich sehr freuen, Euch drüben wiederzusehen!
neuesblog

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Wir werden erwartet / Ulla Hahn

Wir werden erwartet von Ulla Hahn

Der Tod – Der Kampf – Das Fest. So die drei Abteilungen in Ulla Hahns neuem Buch „Wir werden erwartet“. Die ersten beiden Teile sind etwa gleichlang, das dritte sehr kurz und wie angehängt, ein Epilog nur. Ein schweres Buch, das wohl auch der Autorin nicht leicht gefallen ist. Es ist der Abschluss ihrer persönlichen Geschichte von der Kindheit in den 50iger Jahren in einfachen, streng katholischen Verhältnissen aus denen sie sich aus eigener Kraft und wissbegierigem Willen herausentwickelt über die Studentenjahre in Köln der späten 60ger bis zu ihrer Hinwendung zum Marxismus-Leninismus in den Siebzigern in Hamburg.

„Die Zeit drängt. Drängt mich hinein in das Ende dieser Geschichte, ein Ende, vor dessen Anfang ich zurückschrecke wie der Arzt vor dem Schnitt. Ohne Betäubung.“ (S.9)

Ulla Hahn scheint sich mit den drei Vorgängerbänden frei geschrieben zu haben, bevor sie sich an das wirkliche Thema ihres Lebens wagen konnte: wie konnte es dazu kommen, sich vom Sowjetkommunismus materialisieren zu lassen?

Was Ulla Hahn hier wirklich gelungen ist, ist die plausible Darstellung, wie sich ein junger Mensch ab 1968 für den Kommunismus begeistern und radikalisieren konnte. Wir stehen fassungslos vor dieser biographischen Schilderung, in der die jugendliche Wut und der aufrichtige Glaube an eine bessere Gesellschaft für eine menschenverachtende Politik missbraucht wurde.

„Dass die DDR der bessere Staat war, friedliebender, gerechter, sozialer, bezweifelte ich kaum. Trotz Mauer und Schießbefehl? Ja. … In meinen Augen war sie vor allem ein Schutzwall gegen die Flucht der Ewiggestrigen, damit den aufrechten Genossen ihr neues Land nicht kaputtging.“ (S.516)

Dass sie am Ende, im kurzen Kapitel „Das Fest“, auch wieder herausfand aus der Verblendung, ist tröstlich.

Selten habe ich so große Schwierigkeiten mit einem Buch gehabt. Und das, obwohl ich ein Fan von Ulla Hahn bin und alle drei Vorgängerbände, die nun mit „Wir werden erwartet“ eine abgeschlossene Tetralogie* bilden, sehr geschätzt habe. Eigentlich ist mir die Geschichte Hilla Palms nämlich auf den Leib geschrieben.

Ich bin am gegenüberliegenden Ufer von Hilla Palms Dondorf (Ulla Hahns Monheim) aufgewachsen. Piwipp war auch unsere Fähre hinüber. Ich habe angefangen in Köln Germanistik zu studieren, um dann nach Hamburg zu gehen. Selbst mein Elternhaus war ähnlich kleinbürgerlich, streng katholisch, wie in Ulla Hahns Büchern trefflich gezeichnet. Nur dass ich den Weg der Protagonistin etwa 15 Jahre später angetreten bin. Das hat natürlich schon vieles erleichtert. Aber – ich kenne sie alle und ich spreche ihre Sprache – alle Figuren in Ulla Hahns autobiographischen Büchern sind mir vertraut, sogar wenn sie Rhein, Elbe und Alster sprechen lässt.

Immer da, wo sie von ihrer persönlichen Geschichte ihrer engsten Familie erzählt – von der Entwicklung ihrer Mutter, von der Zuneigung zu ihrem Vater, vom tragischen Tod ihres Verlobten Hugo, kann das Buch begeistern. Bei der langatmigen, haarkleinen Schilderung ihrer politischen Entwicklung im Kapitel „Der Kampf“ hätte sie sich für meinen Geschmack ruhig kürzer fassen können.

Was mir auch nicht wirklich gefällt, ist die Art, wie oft sie bemüht poetische Sätze hervorbringt. Schön – aber zu viel.

„Wie sie mir zusprachen, die Bücher, die Bäume, die Wellen, wie sie mich zur Räson brachten, die klugen Begleiter, uralte Vorfahren und Zeitgenossen in einem, allen voran der unerbittliche Wellenschlag der Elbe.“ (S.343)

Außerdem hat die Autorin ein Faible für Wiederholungen. Immer wieder lässt sie den Großvater „Lommer jonn“ sagen und in die Luft greifen, um zu prüfen, ob schon Zeit zum Säen oder Ernten wäre. Das nervt dann irgendwann.

Ich fürchte, ich tue dem Werk ein wenig Unrecht mit meiner Kritik, aber so habe ich es empfunden. Wahrscheinlich wird es viele begeisterte Leser und Leserinnen finden, die den Stil Ulla Hahns gerne mögen.

*Reihenfolge der „Hilla-Palm-Bücher“: „Das verborgene Wort“; „Aufbruch“; „Spiel der Zeit“; „Wir werden erwartet“

………………

Über die Autorin:

Ulla Hahn, aufgewachsen im Rheinland, arbeitete nach ihrer Germanistik-Promotion als Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten, anschließend als Literaturredakteurin bei Radio Bremen. Schon ihr erster Lyrikband, „Herz über Kopf“ (1981), war ein großer Leser- und Kritikererfolg. Ihr lyrisches Werk wurde u. a. mit dem Leonce-und-Lena-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis ausgezeichnet. Für ihren Roman „Das verborgene Wort“ (2001) erhielt sie den ersten Deutschen Bücherpreis. (Verlagstext)

Wir werden erwartet: Roman / Ulla Hahn. – Deutsche Verlags-Anstalt: München, 2017. – 633 S. – ISBN 9783421047823, fest geb. :  28 €

Buchmesseimpressionen 2017 – #fbm17

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Wenig los in Halle 3.1. (vor 9 Uhr) – ©e_mager

Dieses Jahr musste es wieder der Donnerstag sein, denn ich hatte leider keine Zeit, so wie im letzten Jahr drei ganze Tage an diesem großen Bücherrummel teilzunehmen. Doch ich war früh da und konnte zum ersten Mal die Annehmlichkeiten einer akkreditierten Bloggerin genießen: kostenloses Parken im Parkhaus Rebstock, Einlass schon vor 9 Uhr, kostenlose Garderobenbenutzung. Was ich noch für Annehmlichkeiten im Pressezentrum  der Buchmesse bekommen hätte, habe ich nicht getestet, da es mir zu weit weg von meinen avisierten Zielen lag.

Wie schon im letzten Jahr habe ich mich gleich zu Anfang aus meiner Herbstgarderobe geschält und mich sommerlich umgezogen. Das hat sich bewährt.

Was dieses Jahr neu war: wegen meiner neuen Leidenschaft für „zero waste“ habe ich keine Kugelschreiber, sonstige Gimmicks und auch kein Prospektmaterial eingesackt. Am Ende des Tages (hier passt dieser widerliche Ausdruck mal) bin ich mit einer schönen Stofftasche der unabhängigen Buchhandlungen (Lesen, essen, schlafen) und zwei Ausgaben der Zeitschrift Galore nach Hause gefahren.

Ganz früh am Morgen war ich schon im so genannten Ehrengast-Pavillon. Dieses Jahr ist Frankreich Ehrengast, stellvertretend für die französische Sprache, die in vielen Ländern der Welt gesprochen wird. Das Motto lautet: Francfort en français – Frankfurt auf Französisch. So war es eigentlich der Auftritt der französischen Sprache, der in allen Facetten zelebriert werden sollte. Nachdem ich letztes Jahr so von dem großen, stimmungsvollen Ambiente von Flandern als Ehrengast eingenommen war, enttäuschte mich die Ansammlung von Holzgerüsten ziemlich. Sicher gibt es auch dort viel zu entdecken und viele gute Ideen. Soviel habe ich bei meinem kurzen Besuch schon mitbekommen. Zum Beispiel sitzt man in kleinen, ausrangierten Seilbahngondeln und kann kurzen, gut gemachten Videos über Kopfhörer lauschen. Es gab auch eine große Gutenbergpresse, an der im Laufe des Tages Autoren drucken konnten.

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Da es endlich mal wieder ein Buchmessetag mit angenehmen Temperaturen und Sonnenschein war, habe ich, wie viele andere Besucher der Messe auch, viel Zeit auf dem großen Platz zwischen den Hallen, der Agora, verbracht.

Auch hier habe ich ein paar schöne Schnappschüsse machen können.

Wegen der knapp bemessenen Zeit, habe ich mich vor allem in den Hallen 3 und 4 herumgetrieben. Außerdem durfte eine Lesung im Forum der ARD nicht fehlen. Hier bin ich gerne, weil es viel Platz zum Sitzen gibt und man von überall einen guten Blick mit perfektem Ton auf die Bühne hat, und sei es über einen Bildschirm. Und dann stand ich auch noch strategisch günstig als zufällig Königin Mathilde von Belgien das Forum betrat.

Neben den vielen literarischen Eindrücken und der Flut von Buchcovern, mit denen die Stände geradezu tapeziert sind, haben es mir wie immer die Begegnungen mit echten Menschen angetan. Und auch heute konnte ich wieder liebe Bloggerfreundinnen treffen, wenn auch nur kurz.

Besonders gefreut habe ich mich über das spontan über Instagram verabredete Gespräch mit Nikola Scott, deren schönes Buch „Zeit der Schwalben“ ich im Sommer besprechen durfte. Wir haben uns gleich gut verstanden. Vielleicht kommt sie nächstes Jahr sogar mit ihrem neuen Buch zu einer Lesung zu uns nach Oedekoven.

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Mit Nikola Scott vor ihren Büchern

Und dann, ganz unverhofft, lerne ich bei einer Pause am österreichischen Stand (da kann man nett sitzen) die Herausgeberin der Zeitung „Weltexpresso“ kennen. Das Magazin ist zwar ausschließlich online zu lesen, hält sich aber an alle Richtlinien einer Zeitung aus Papier. Die Zeitung mit Sitz in Frankfurt deckt eine Vielzahl von Themen ab – ich werde da ab jetzt fleißig drin stöbern.

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weltexpresso.de

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Schon morgens vorgenommen und auch tatsächlich hingegangen: die Vorstellung der fünf Lieblingsbücher der unabhängigen Buchhändler im Lesezelt auf der Agora. Welch ein Erlebnis – alle fünf Titel wurden von Christian Brückner in seiner unnachahmlichen Weise vorgetragen. Zwei davon haben wir schon in unserer Bücherei – und die anderen werden sofort gekauft!

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Und hier noch ein paar Fotos für alle, die nicht dabei sein konnten:

 

 

Wir sagen uns Dunkles / Helmut Böttiger

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Ingeborg Bachmann und Paul Celan – eine tragische Liebe. Ein dunkles Buch. Helmut Böttiger kannte ich bisher nur als Kritiker beim Deutschlandfunk, nun durfte ich diese außergewöhnliche Doppelbiographie lesen. Bei der Lektüre habe ich mich gefragt, ob ich im Unterricht der 1970ger Jahre nicht aufgepasst habe. Habe ich doch einen Leistungskurs Literatur mit Erfolg bis zum Abitur absolviert, ohne wirklich zu begreifen, dass Celan bis 1970 noch lebte und also ein Zeitgenosse war.

Natürlich hatten wir die Todesfuge auf dem Lehrplan – aber nur im Zusammenhang mit anderen Gedichten rund um Nationalsozialismus und Holocaust. Wir waren in den 70ern übersättigt von diesen Themen, denn alle Lehrer wollten anscheinend an uns aufarbeiten, was in den 50ern und 60ern in der Bundesrepublik verdrängt worden war.

Gerne hätte ich damals Lyrik so vermittelt bekommen, wie es dieses Buch nun geschafft hat. Endlich habe ich „meinen“ Celan etwas besser verstanden. Außerdem habe ich Einblick in die Arbeitsweise und den Geist der „Gruppe 47“ gewonnen und etwas von der geistigen Enge in der jungen Bundesrepublik.

So wie das gelungene Titelbild es grafisch verdeutlicht, hat Helmut Böttiger eine ausgewogene Biographie von beiden Dichtern geschrieben. Die einzelnen Kapitel sind abwechselnd dem einen oder der anderen gewidmet. Die Gleichzeitigkeiten und Beziehungen verzahnen sich und werden in den Gedichten beider überdeutlich. Die heimlich Liebenden führen einen für alle lesbaren Dialog in ihren Gedichten – und das soll nicht wirklich aufgefallen sein? Erst mit der Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen Celan und Bachmann 2008 im Suhrkamp-Verlag hatte man Gewissheit: „Man wusste schon länger, dass Ingeborg Bachmann und Paul Celan, zwei der bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts, abseits aller literarischen Öffentlichkeit, abseits aller familiären Strukturen in einer Liebesbeziehung zueinander standen. Aber was es genauer damit auf sich hatte, war ein großes Geheimnis.“ (Deutschlandfunk 2008

Helmut Böttiger ist es nun zu verdanken, anhand der Quellen eine wunderbare Doppelbiographie geschrieben zu haben, die beide großen Dichterpersönlichkeiten mit ihren Stärken und Schwächen, ihre nicht gelingende Liebesbeziehungen und ihre Schwierigkeiten mit dem deutschsprachigen Literaturbetrieb, zu porträtieren. Dabei werden sie mir beide nicht unbedingt sympathisch. Vor allem Ingeborg Bachmann erscheint sehr opportunistisch in der Auswahl ihrer Lebensgefährten. Aber auch Celan ist vor allem seiner Arbeit treu. Beide leben und sterben für ihre Kunst, beide werden in ihrem Leben nicht wirklich glücklich. Beim lesen ihrer beider Leben und Liebe litt ich mit ihnen.

Absolut lesenswert!

Wir sagen uns Dunkles : die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan / Helmut Böttiger. – München: DVA, 2017. – 269 S., Abb. – ISBN 9783421046314 ; 22,00 €


Über den Autor:

Helmut Böttiger, geboren 1956, ist einer der renommiertesten Literaturkritiker des Landes. Nach Studium und Promotion war er als Literaturredakteur u.a. bei der Frankfurter Rundschau tätig. Seit 2002 lebt er als freier Autor und Kritiker in Berlin und veröffentlichte u.a. »Nach den Utopien. Eine Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur« (2004) und »Celan am Meer« (2006). Er war Kurator der Ausstellung »Doppelleben. Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland« (2009) und Verfasser des Begleitbuchs. 1996 erhielt er den Ernst-Robert-Curtius-Förderpreis für Essayistik, 2012 den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik. Für sein zuletzt veröffentlichtes Buch »Die Gruppe 47« wurde er mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2013 ausgezeichnet. (Verlagstext)

Hier ein kürzlich erschienener Blogbeitrag von Sätze & Schätze, der weitaus ausführlicher in das Buch einführt.

Ohne Wenn und Abfall / Milena Glimbovski

IMG_20171011_111424 (1)Noch keine ganze Woche ist Milena Glimbovskis Buch „Ohne Wenn und Abfall“ nun im Handel und hat schon 12 Kundenrezensionen auf einer großen Buchverkaufsplattform erhalten. Das ist gut so! Denn Milena, selbst erst 27 Jahre alt, hat etwas geschafft, das ich nur bewundern kann.

Wie oft hat sich jeder von uns schon über den Plastikmüll aufgeregt, der nach einem Einkauf und der Zubereitung eines schönen Essens am Ende in die Tonne wandert? Und welche Konsequenzen haben wir daraus gezogen?

Milena hat sich auch geärgert und gedacht, das müsste doch auch anders gehen. Sie hat sich nach Möglichkeiten umgesehen, ohne den vielen Verpackungsmüll leben zu können. Und weil es da nicht wirklich praktikable Lösungen gab, hat sie schon 2014 ihren eigenen Supermarkt gegründet, in dem man alles unverpackt kaufen kann.

Original Unverpackt in Berlin
Original Unverpackt in Berlin-Kreuzberg

In ihrem neuen Buch schreibt sie die ganze Geschichte von Anfang an auf: von den Höhen und Tiefen beim Gründen eines eigenen Ladens, von den Schwierigkeiten der Finanzierung und den bitteren Rückschlägen. Sie berichtet von Nachahmern in Deutschland und der ganzen Welt – und dass sie stolz darauf ist. Wer nicht mit zero waste beginnen möchte, kann dieses Buch trotzdem mit Gewinn lesen, denn es zeigt auch, welche Chancen in einem start up und crowdfunding liegen – und welche Fehler vermieden werden könnten.

Im letzten Drittel des spannend zu lesenden Erfahrungsberichts gibt Milena in ihrer frischen, jugendlichen Art Tipps zu allen Lebenslagen. Dabei lässt sie auch sehr intime Bereiche, wie Sex und Monatshygiene nicht aus. Dabei ist dieser Teil eher ein erster Anstoß – wer wirklich selber mitmachen möchte, dem empfehle ich die Websites von smarticular oder utopia.

Ich habe Milena Glimbovski bei einer Vorab-Lesung ihres Buches im Mai 2017 persönlich kennengelernt. Dies war ein einschneidendes Erlebnis für mich, denn seitdem versuche auch ich, möglichst müllfrei und vor allem ohne Plastikmüll zu leben. Es ist gar nicht so schwer, wenn man einen der immer zahlreicheren Unverpackt-Läden in der Nähe findet und sich ein wenig Gedanken macht.

Mein Mann und ich nehmen die Sache sportlich, betrachten die Vermeidung von Müll als Challenge. Das macht sogar Spaß.

Das Schöne an der Sache mit der Müllvermeidung – selbst wenn wir es nicht gleich umfassend schaffen, ohne Müll zu leben, so ist doch jedes lose gekaufte Produkt schon ein Schritt in die richtige Richtung.

Machen Sie mit!

Kleiner Tipp zur Abfallvermeidung: Milena Glimbovskis Buch gibt es auch als eBook.

Ohne Wenn und Abfall : wie ich dem Verpackungswahn entkam / Milena Glimbowski. – Köln: Kiepenheuer & Witch, 2017. – 304 S. – ISBN 9783462050196 ; 12,99 €

…..

Über die Autorin:

Milena Glimbovski, geboren 1990 in Sibirien, gründete im Alter von 22 Jahren »Original Unverpackt«, den bekanntesten Supermarkt ohne Einwegverpackungen. Das Crowdfunding, das die Finanzierung des Ladens ermöglichte, war ein großer Erfolg und inspirierte über 50 weitere Läden weltweit. Damit brachte die Autorin in Deutschland die »Zero Waste«-Bewegung ins Rollen. Milena Glimbovski lebt glücklich ohne Müll in Berlin-Neukölln. (Verlagstext)

 

Unglück ist nicht erwünscht! – Die junge Braut / Alessandro Baricco

Gastland Italien – Folge 7

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Die junge Braut / Alessandro Baricco ©e_mager

Alessandro Baricco ist mit „Die junge Braut“ schon zum zweiten Mal in meiner Reihe „Gastland Italien“ vertreten. Und das aus gutem Grund – ich bin verliebt in seine Sätze und seine skurrile Art. Nachdem im letzten Jahr sein kleines Drama „Smith & Wesson“ auf Deutsch herauskam, kommen wir nun in den Genuss der guten Übersetzung von Annette Kopetzki von „La Sposa Giovane“.

Wer nur Literatur lesen möchte, die realistisch ist und die die herrschenden Verhältnisse kritisch beleuchtet, ist bei Baricco fehl am Platz. Bei den Stimmen zur italienischen Ausgabe finden sich dann auch oft Aussagen wie „Nicht so meins.“, „Konnte ich nichts mit anfangen.“ Die Fraktion der Baricco-Begeisterten, zu der ich ohne Zweifel gehöre, sammelt die wunderschönen Sätze des Autors sogar auf einer eigenen Facebook-Seite.

Beginnen wir zum Beispiel beim ersten Satz:

„Es sind sechsunddreißig Stufen, und der Alte steigt sie langsam hinauf, mit Bedacht, als sammele er sie eine nach der anderen ein, um sie in den ersten Stock zu treiben: er der Hirte, sie fügsame Tiere.“ (S.7)

Lässt man sich auf dieses Bild ein und fügt sich diesem ruhigen Sprachfluss, möchte man das Buch nicht mehr weglegen. Man wird eingelullt in diese bizarre Geschichte eines Hauses, einer Familie, deren Mitglieder nichts so sehr fürchten, wie die Nacht.

„Seit einhundertdreizehn Jahren, das muss erwähnt werden, sind in unserer Familie alle nachts gestorben. Das erklärt alles.“ (S.11)

Nachdem der Hausdiener Modesto die Nacht für beendet erklärt und eine Wetterprognose für den Tag verkündet hat, versammeln sich die Familienmitglieder am „Tisch der Frühstücke“, um mit einem ausgedehnten Brunch das Leben zu feiern. Es ist immer für 25 Personen gedeckt, weil auch Geschäftspartner und Freunde jederzeit dazukommen können.

Die Familie besteht aus Vater, Mutter, Sohn, Onkel und Tochter. Dazu gibt es den Diener Modesto – und später noch die junge Braut. Dies ist der innere Kreis, um den sich weitere Personen scharren: ein Verwalter (Commandini), ein Notar (Bertini), ein Arzt (Acerbo), ein Monsignore… Es fällt auf, dass die wichtigen Personen namenlos sind. Baricco verwendet die Personen wie Spielsteine auf einem Brett. Sie erinnern ein wenig an die Masken der Commedia dell’Arte. Alle sind mit einer ganz besonderen Eigenschaft ausgestattet, die anstelle eines Charakters fungiert. So ist die Tochter zwar bildschön, muss aber wegen eines Unfalls in der frühen Kindheit hinken. Der Onkel schläft Tag und Nacht, beteiligt sich aber erstaunlicherweise vollkommen am Familienleben und äußert zu richtigen Zeit einen weisen Satz. Der Sohn ist abwesend, man vermutet ihn in England und hofft auf seine baldige Rückkehr, denn er soll die junge Braut heiraten. Der Vater hat eine schwache Konstitution und er darf „sich schon aus medizinischen Gründen keine Neigung zu Ängstlichkeit erlauben“. (S.74) Die Mutter hat die Marotte, völlig unzusammenhängende Sachverhalte in einem Satz zu verknüpfen, was der Autor jedesmal in Klammern mit den Worten (viele ihrer Syllogismen waren nämlich unergründlich)“ kommentiert.

Und damit sind wir bei einer weiteren Besonderheit des Romans: der Autor mischt sich fortlaufend ein, kommentiert, unterbricht, erzählt vom Schreiben des Romans. Das macht er allerdings sehr dezent und durchaus zum Roman passend. Ebenso im ersten Moment verwirrend, dann aber nachvollziehbar, wechselt der Autor immer mal wieder von der 3. Person zum Ich, aber nicht, um von sich zu sprechen, sondern um die Figur, die gerade „dran“ ist, persönlich hervortreten zu lassen, als spräche sie nun direkt zu uns.

Aber worum geht es denn nun eigentlich? An einem dieser immer gleichen, glücklichen Tage („sie wussten nichts von der Abfolge der Tage, denn sie strebten danach, einen einzigen vollkommenen Tag zu leben…“ (S.17)), erscheint eine junge Frau, um den Sohn zu heiraten, wie es vor Jahren, als die Liebenden dafür noch zu jung waren, vereinbart wurde. Nun ist sie da, die junge Braut, aber der Sohn nicht. Es wird also gewartet. Die junge Braut zieht ein, lernt die Familie kennen, wartet auf den Bräutigam. Ein ganzes Haus wartet. Währenddessen beschließt der Vater, als erster einer langen Reihe von Vorfahren, nicht im Schlaf zu sterben – und die junge Braut wird ihm dabei helfen.

Hier noch ein paar schöne Sätze:

„Es war, als würde eine zitternde spätnachmittägliche Sommersonne in den mit Parkett ausgelegten Saal fallen und Tanzschritte hervorrufen, die alle in einen gewissen Süden der Seele zurückbrachten.“ (S.31)

„Wissen Sie, man neigt dazu, das Unglück für eine Zeitverschwendung zu halten, das heißt für einen Luxus, den sich noch für eine gewisse Anzahl von Jahren keiner erlauben darf. Irgendwann vielleicht. Das Unglück raubt der Freude Zeit, und in der Freude wird Wohlstand geschaffen. Wenn Sie einen Augenblick lang darüber nachdenken, ist es ganz einfach.“ (S.26)

„Vede, qui si è propensi a credere che l’infelicità sia uno spreco di tempo e quindi una forma di lusso che per ancora un certo numero di anni nessuno si potrà permettere.
Forse un domani.
Ma, per adesso, a nessuna circostanza della vita, per quanto penosa, è concesso di rubare agli animi qualcosa di più di un momentaneo smarrimento.
L’infelicità ruba tempo alla gioia, e nella gioia si costruisce prosperità.
Se ci pensa un attimo, è molto semplice.“

Lesen Sie dieses poetische, kleine Buch! Und wenn Sie dann darüber nachdenken, ist es ganz einfach: Unglück ist nicht erlaubt!   

Die junge Braut / Alessandro Baricco. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. – Hamburg: Hoffmann und Campe, 2017. – 1. Aufl. ; 206 S. – ISBN 9783455405781 fest geb. : 20,00 €

Über den Autor:

Alessandro Baricco, 1958 in Turin geboren, studierte Philosophie und Musikwissenschaft. Er ist Mitherausgeber verschiedener Literaturzeitschriften und von La Repubblica. Neben seinen Romanen hat Baricco zahlreiche Essays, Erzählungen und Theaterstücke verfasst, sein Roman Seide wurde zum internationalen Bestseller. Baricco wurde mit dem Premio Campiello, dem Premio Viareggio und dem Prix Médicis Étranger ausgezeichnet. (Verlagstext)

Zeit der Schwalben / Nikola Scott

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„Die fünfziger Jahre waren ein merkwürdiges Jahrzehnt, eingeklemmt zwischen dem Krieg auf der einen und den rebellischen sechsziger Jahren auf der anderen Seite. […] In vieler Hinsicht war diese Zeit heil und aufregend und unschuldig, aber es gab auch eine dunklere Seite. Spitzengardinen-Anständigkeit und die Schicklichkeit der Vorkriegszeit sperrten Frauen, die während des Krieges in der von Männern dominierten Gesellschaft Fuß gefasst und ihr Land tatkräftig unterstützt hatten, wieder ins Haus zu ihrer Familie und unterwarfen sie der Heuchelei und Doppelmoral geradezu viktorianischer Moralvorstellungen, die abweichendes Verhalten nicht tolerierten.“

Dies schreibt die Autorin Nikola Scott in ihrem Nachwort zu „Zeit der Schwalben“, das im Original „My Mother’s Shadow“ heißt. Doch dazu später.

978-3-8052-0037-0 Zuerst wunderte ich mich über das nette Umschlagfoto, dass so gut zu Urlaub und Entspannung passt. Ein leichtes Sommerbuch für Frauen also. Ich kann mir schon denken, warum der Verlag ein wunderschönes, hellblaues Cover und einen luftig-leichten Titel für ein Buch ausgesucht, das im August erscheint und möglichst viele Leserinnen zum Kauf animieren soll. Die Rechnung geht sicher auf, da ich schon viele entzückte Äußerungen dazu gefunden habe. „Der Schatten meiner Mutter“, wie es ja eigentlich heißen müsste und den Kern der Geschichte viel eher träfe, erschien der Marketingabteilung anscheinend zu düster. Erstaunlich übrigens, wie viele Bücher mit „Zeit der …“ beginnen, als sei allein das schon ein verlockendes Leseversprechen.

Obwohl das Buch wirklich wunderbar im Sommer zu lesen ist – ich habe es in ein paar Tagen verschlungen – hat es doch einen sehr ernsten, traurigen Kern.

Elizabeth ist jung am Ende der 50ger Jahre in London. Der Vater ist ein tiefgläubiger und strenger Mann. Die Mutter laboriert an einer schweren Krankheit, was Elizabeth jedoch nicht wirklich bewusst ist. Im Sommer, in dem sie 17 wird, soll sie zu Verwandten aufs Land, wo sie im Kreise junger Menschen herrliche Ferien und unbeschwerte Wochen genießt – ein Leben, wie sie es bis dahin nicht kannte. Sie verwechselt einen Flirt und die Leidenschaft eines jungen, verheirateten Mannes mit Liebe und wird ungewollt schwanger. Sie hatte bis dahin weder von Verhütung noch von den körperlichen Vorgängen von Schwangerschaft und Geburt gehört. Im Heim für gefallene Mädchen, in das sie bei Bekanntwerden der Schande von ihrem Vater gesteckt wird, munkeln die Mädchen untereinander, dass die Babys durch den Bauchnabel zur Welt kämen.

Dies ist die, ich nenne sie einmal „innere“ Geschichte des Romans, um die sich alles dreht. Von Elizabeth erfahren wir aus ihrem Tagebuch, welches mehr als 40 Jahre später ihrer Tochter Adele in die Hände fällt. Die „äußere“ Geschichte spielt im Jahr 2000, ein Jahr nach dem Tod von Elizabeth. Kurz zuvor hatten Elizabeth und ihr Mann George noch ihren 40. Hochzeitstag ganz groß gefeiert.

Die Erzählung setzt ein, als sich die ganze Familie zum Jahrgedächtnis von Elizabeths Tod in der elterlichen Wohnung zusammenfindet. Adele nimmt den mysteriösen Anruf eines Detektivs entgegen, der sie irrtümlich für ihre Mutter hält und ihr mitteilt, dass er in der Suche nach ihrer Zwillingsschwester weitergekommen sei.

Kurze Zeit später steht Phoebe vor ihrer Tür. Adele will zuerst nicht wahrhaben, dass ihre Mutter zwei Kinder bekommen und eines davon nach der Geburt zur Adoption weggegeben haben soll. Und auch Phoebe ist verwirrt und verhält sich Adele und ihrer Familie gegenüber ziemlich ungeschickt. Als Adele ihren Vater zur Rede stellen will, erleidet dieser einen Herzinfarkt und muss ins Krankenhaus, wo er erst einmal nicht ansprechbar ist. Mit den wenigen Anhaltspunkten, die die sehr ungleichen Schwestern haben, begeben sie sich auf die Suche nach ihrer Vergangenheit und die wahren Umstände ihrer Geburt.

Beide Zeitebenen sind jeweils aus der Ich-Perspektive der jeweiligen weiblichen Hauptperson geschrieben, was anfangs etwas verwirrend ist. In dem Maße indem sich die Erkenntnisse der Schwestern erweitern und die beiden Frauen sich langsam akzeptieren und einander näherkommen, erfahren wir aus dem Tagebuch der Mutter vom ganzen Ausmaß der Tragödie um die Geburt der Kinder.

Screenshot_20170823-143623Ein packender, im englischen Original „unputdownable“ genannter Roman, der äußerst lesenswert und eigentlich gar keine leichte Sommerlektüre ist, sondern auf erschreckende Weise die strengen, völlig überzogenen Moralvorstellungen nicht nur in England beschreibt. Schade, dass Männer wahrscheinlich wieder nicht zu so einem Buch greifen werden.

Zeit der Schwalben : Roman / Nikola Scott. Aus dem Englischen von Nicole Seifert. – 1. Aufl. – Reinbek bei Hamburg : Wunderlich, 2017. – 503 S. – ISBN 9783805200370 – fest geb. : 19,95 €

 

 

 

Zur Autorin:

Nikola Scott ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, bevor sie jahrelang in den USA und in Großbritannien in verschiedenen Verlagen arbeitete. Sie lebt inzwischen mit ihrer Familie in Frankfurt am Main. „Zeit der Schwalben“ ist ihr erster Roman. (Verlagstext)